Seminare & Webinare

Seminar Oldenburg – Was wirklich zählt

geschrieben von Carsten Wagner

Es war ein Wochenende, das mir wieder einmal gezeigt hat, wie wenig es eigentlich braucht. Nicht mehr Methoden. Nicht mehr Druck. Nicht mehr Lautstärke. Sondern den Blick für das, was unter der Oberfläche liegt.

Wir leben in einer Zeit, in der Methoden lauter werden als das, was sie eigentlich vermitteln sollen. Und ich sage das ohne erhobenen Zeigefinger – es geht mir nicht um Methodenkritik. Methoden sind wichtig. Aber sie bleiben eine leere Hülle, wenn wir die Muster dahinter nicht erkennen.

Egal ob Beziehungsarbeit, Bindung, Augenhöhe, technische Abläufe oder Körpersprache – im Kern arbeiten wir alle mit denselben lerntheoretischen Gesetzmäßigkeiten. Die vier Quadranten sind die vier Quadranten. Was den Unterschied macht, ist nicht die Methode selbst – sondern ob wir den Hund vor uns wirklich lesen können.

Und genau das war das Thema in Oldenburg.

Wir hatten ein breites Feld an Hunden dabei: Tierschutzhunde mit komplexen Geschichten. Einen Maremmano, der soziale Last in sich trug. Einen Schäferhund, der in der Prüfung durchfiel, weil er in der Spürarbeit bei der Übergabe an eine Fremdperson – also in der Trennung von der Bezugsperson – fest wurde und knurrte. Eine Bulldogge mit beginnenden Zwangsmustern. Einen Cane Corso, der nach außen cool wirkte und im Inneren ganz andere Räume brauchte. Einen Dobermann, der über Dynamik in Konflikte ging. Einen Hovawart, dem schnell Stempel aufgedrückt werden. Kelpies in der Hütearbeit. Malinois. Einen Shepherd – ein Mobbingopfer, ein Schäferhund mit maximaler Sensibilität, dessen Bild nach außen dem einer Rottweilerhündin mit Aggression gegen Menschen glich.

So unterschiedlich diese Hunde, so unterschiedlich ihre Geschichten – und doch zeigten sich Muster, die sich in vielen Kontexten wiederholten, nur in anderen Bildern.

Damit meine ich nicht, dass alle Hunde über einen Kamm zu scheren wären. Im Gegenteil – jedes Muster war komplex, individuell, eingebettet in seinen eigenen Kontext. Sie aufzubrechen war nicht einfach. Aber machbar, wenn man verstand, worauf man schauen muss. Es ging darum, das Wiederkehrende im Verschiedenen zu erkennen.

Genau da liegt die eigentliche Arbeit.


Ein Moment hat mich besonders berührt.

Eine kleine Hündin. Schon in mehreren Familien gewesen. Nach außen: autonom, stark, alles im Griff. Eine, die sich ihre Welt selbst sortiert.

Sie hatte ein massives Ressourcen-Thema. Biss sich in Stöcken und Ästen fest, hielt eisern, ließ nicht los – man bekam sie regelrecht nicht mehr vom Baum herunter. Sie sicherte gegen jeden, der ihr zu nahe kam.

Doch ihr eigentliches Thema war ein anderes. Trennung. Sie hielt nicht den Stock fest. Sie hielt sich selbst fest.

Mit einer kleinen Übung haben wir dieses Muster aufgebrochen – und in dem Moment sank sie innerlich komplett in sich zusammen. Die Härte fiel ab. Die Sicherung löste sich.

Da war sie plötzlich. Die Hündin, die sie wirklich ist.


Was mir in vielen Seminaren über Körpersprache auffällt: Oft wird viel zu plump und mächtig auf den Hund eingegangen. Dabei braucht es das gar nicht. Wir müssen den Hund nicht körperlich schieben. Nicht mit ihm kämpfen. Nicht überrollen.

Wir müssen verstehen, wie wir einen Widerstand und einen freien Moment so miteinander verbinden, dass der Hund nicht nur körperlich, sondern geistig in Bewegung kommt.

Denn wenn ich nur körperlich bewege – aus meinem Willen heraus, weil ich das will – mache ich den Geist meines Hundes zu. Und ich riskiere genau die Blockaden, die später eskalieren können.

Weniger ist mehr. Aber dieses „weniger” verlangt Tiefe.


Ein großer Dank an alle Teilnehmer, die so viel auf sich nehmen – Anfahrt, Unterkunft, Zeit, Energie, Vertrauen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und ein riesiges Dankeschön an den Boxerplatz Oldenburg, an Sarah und das gesamte Team für die wunderbare Organisation und Bewirtung. 🙏

Oldenburg ist und bleibt Heimvorteil.

#Hundetraining #Oldenburg #Hundeverstehen #Beziehungsarbeit #Seminar

Über den Autor

Carsten Wagner

Kommentieren