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Das Phänomen der Strafe

Miniatur Bullterrier - Strafe
geschrieben von Carsten Wagner

Strafe, Strafe, nichts als Strafe. So kann ein Hund nicht lernen! Das sind die mahnenden Worte vieler neu ausgebildeter Hundetrainer, die den Klicker und das damit in Verbindung stehende Futter/Motivationsmittel als Wunderutensil betrachten. Die positive Belohnung wird als optimale Herangehensweise verkauft, ohne dabei auf die anderen Lernmodelle hinzuweisen, oder zumindest darüber aufzuklären. Liest man in den verschiedenen Foren, besonders im Erziehungsfachportal Facebook, ist Strafe als Strafe deklariert und positiv Belohnung als Friede, Freude, Eierkuchen beschrieben. Erneut begrenzt sich der Mensch in seinem Weltbild auf Plus und Minus. Der Smiley hat die Welt verändert. Das vereinfachte Darstellen von Emotionen hat der Mensch, mit seinem oft begrenzten Wissen, in allen Bereichen des Lebens adaptiert. Zu Lasten der Komplexität. Denn obgleich Hundeerziehung als einfach, sofort umsetzbar und Erfolg versprechend postuliert wird, sind die Zusammenhänge der verschiedenen Lernprinzipien wesentlich vielschichtiger und komplexer. Um sich in der Welt der Lernprinzipien zurecht zu finden, müssen die grundlegenden Definitionen verstanden sein. Denn nur wenn man die Definitionen versteht, können die Umsetzungen in unterschiedlichen Verhaltensweisen von Hunden angewandt oder auch abgelehnt werden, weil das jeweilige Vorgehen auf einem vorhandenen Hintergrundwissen basiert, und nicht weil ein Aushilfserzieher das Wort Strafe mit seiner eigenen, ungünstig verlaufenden Kindheit in Verbindung bringt. Wissenslose, subjektive Empfindungen haben im Bereich der Hundeerziehung nichts zu suchen.

In der fachlich kompetenten Hundeerziehung ist Hintergrundwissen der entscheidende Punkt, der genau da ansetzt, wo pauschale Ansätze ihren Halt verlieren. Wir müssen uns im Klaren sein, dass jedes Individuum bestimmten Lernprinzipien folgt. Doch bevor man sich für einen Weg der technischen Ausbildung entscheidet, sollte einem erst einmal klar sein, welche Belohungsmodelle, welche Konditionierungsansätze und welche Lernprinzipien wann, wo und wie greifen. Das ganze Thema Belohnung ist enorm komplex und aus meiner Erfahrung heraus kann das derzeit hoch bejubelte Schlichtmodell – positiv Belohnung – auch genau das Gegenteil von dem bewirken, was angestrebt wird. Dazu später mehr.

In der Thematik Verhaltensänderung ist es zu allererst einmal sinnvoll, sich ein genaues Bild davon zu machen, was im Hund genau verändert werden will. Geht es mir vorrangig darum, eine veränderte Emotion im Bezug zum Reiz zu schaffen wähle ich die klassische Konditionierungsform. Steht mir der Sinn nach einer Verhaltensänderung im Bezug auf einen Reiz, greift die instrumentelle Konditionierung erfahrungsgemäß am besten. Die Übergänge beider Assoziationen sind dabei oft fließend und treten in Reinform nur selten auf. Betrachtet man die unterschiedlichen Konditionierungsformen noch genauer, kommt man nicht umher, die Verzögerungskonditionierung und Spurenkonditionierung einzubeziehen.

Diese beiden Formen beschreiben, was im Bezug zum Lernen genau verknüpft wird, da es in diesem Bereich der Konditionierungen darum geht, ob das deklarative Gedächtnissystem angesprochen wird, oder aber auch nicht. Das heißt: ob eine punktgenaue, erwünschte Verknüpfen zweier Reize stattfindet oder eher nicht, entscheiden die beiden genannten Konditionierungsformen – die Verzögerungskonditionierung und die Spurenkonditionierungen. Die eine Form erforderte die absolute Aufmerksamkeit zum Geschehen, die andere nicht. Hunde lernen immer und vor allem in zwei Richtungen. Und das machen sie stets und ständig – zum Leid unserer Gesellschaft, die ja so gern per Knopfdruck entscheidet, welches Programm denn gerade ihre Vorlieben ansprechen darf. Hunde verknüpfen in jeglicher Situation, bewusst und unbewusst. Im Bereich der Angstentstehung, Fehlverknüpfungen usw. sind diese inneren Prozesse (Spurenkonditionierung/Verzögerungskonditionierung) beteiligt. Ein intensiver Knall zum absolut ungünstigen Zeitpunkt, während der Hund mit etwas ganz anderem beschäftigt ist, kann sofort zu einer Aversionskonditionierung (konditioniertes Angstgefühl) führen. Diese Erfahrung rutscht dann augenblicklich ins Langzeitgedächtnis, was eine Behandlung mit Struktur abverlangen wird. Sie sehen, dieser kleinen Absatz des assoziativen Lernens weist viel Input auf. Halten wir deshalb einfach nur fest: Die Konditionierung ist im eigentlichen Sinne ein Lernprozess, in dem das Verknüpfen von Reizen/Stimuli die zentrale Aussage ist. Dabei können Verhalten, Signale oder aber auch Emotionen bewusst und unbewusst assoziiert werden.

Gehen wir ans Eingemachte!

In der Verhaltensarbeit mit Hunden geht es im Groben um zwei Richtungen: Strafe und Belohnung. Geht man den Weg der Strafe, dann bewirkt dieser Ansatz, durch ein entsprechendes Handeln, die Abnahme eines unerwünschten Verhaltens, während der tugendhafte Pfad der Belohnung wiederum, durch ein entsprechendes positives Belohnen, ein gewünschtes Verhalten fördert. Immer in der Hoffnung, dass ein unerfreuliches Verhalten dadurch in den Hintergrund gerückt wird, was später dann zu einer Löschung führen soll. Das zur Theorie! Um diese beiden konträren Richtungen effektiv einschlagen zu können, stehen dem Lösungssuchenden nun vier Belohnungsmodelle zur Verfügung, welche wiederum im Einzelnen vier unterschiedliche Emotion bedienen. Das genau sind der Segen und die Last aller vermeintlichen Ausbildungsansätze. Diese angesprochenen Emotionen sind der springende Punkt, welcher darüber entscheidet, in welchem Modell sich der größte Teil der Menschen wieder finden sollten: Die positiv Belohnung.

Lassen Sie uns also gleich das erste der vier Belohnungssysteme – die positiv Belohnung – in den Vordergrund rücken. Der Grundgedanke der positiven Belohnung ist das Erziehungsmodell CAT und BAT: Ignoriere ein unerwünschtes Verhalten und fördere das gewünschte durch eine positive Belohnung. Im Regal der Ansätze steht es derzeit sowieso immer in der ersten Reihe. Griffbereit, für jeden Weltenverbesserer und Freizeiterzieher sofort verfügbar, da es das Nonplusultra darstellt. Es ist konform, der menschlichen Gesellschaft angepasst und offen gestanden für den talentlosen Hundeführer der einzige Lichtblick, den Hund in irgendeiner Art fair ansprechen zu können. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, denn diese Aussage ist nicht negativ gemeint. Sie klärt sich jetzt, in diesem Augenblick. Die positiv Belohnung ist, wenn man es professionell betrachtet, schwieriger, als in der Regel verkauft wird. In diesem Modell geht es, wie auch im genauen Gegenteil, der positiv Strafe, zu der wir gleich kommen, um exaktes Timing, Schnelligkeit, und vor allem um ein hundertprozentiges Einlassen auf den Hund. Wir brauchen in diesem System Gefühl. Besonders wenn wir es mit Hunden zu tun haben, die im Kopf ungewollt einige Lücken in ihren Synapsen aufweisen.

Einen Hund, der mit sehr auffällig gestörten Erregungskontrollen zu kämpfen hat, der sich schneller als die Dauer eines Augenschlags in eine Frustration katapultiert, die dann verlässlich in Wut und Zorn mündet, rein technisch aus der Situation herausholen zu wollen, bedarf Geschick, Gefühl, Distanz zur Sache und absolute Hingabe, lösungsorientiert zu arbeiten. Das ist in der Regel auch der Grund, warum das Futter unter die Nase halten in diesen Situationen nur sehr mäßig funktioniert. Auch wenn sich der Halter bei einer solch hilflosen Ansprache gerne auf den mitgegebenen Begleitsatz stützt „Das müssen Sie viel mehr üben“, wird das Ergebnis am Ausgangspunkt liegen bleiben.

Wer dennoch unbedingt mit Futter arbeiten möchte, sollte sich hier im Klaren sein, dass es nicht das Futter sein wird, das den Hund aus der Situation herausführt, sondern die eigene Fähigkeit, den Hund in seinen Bann zu ziehen. Die Kunst ist es, wie in jedem anderen Ansatz auch, die Situationen so einzuschätzen und zu gestalten, dass die eigene Aktivität so im Vordergrund stehen kann, dass die Futterbelohnung nicht vor die Persönlichkeit des Akteurs/Menschen geschoben wird. So zu agieren ist schwer und offen gestanden können das die Wenigsten, weil es nicht gelernt wurde und vielen Menschen der Zugang zu ihrem Hund, aufgrund ihres eigenen Charakters, auf ewig verwehrt bleibt. Egal in welchem System sie sich je befinden werden. Ein Großteil der Hundehalter fordert mehr, als sie investieren. Diese Aussage darf bitte nicht als eine überhebliche Darstellung gesehen werden, sondern viel mehr als eine Tatsache, die mir selber regelmäßig vor Augen gehalten wird. Ich weiß nur zu gut, wie schwer es manchmal sein kann, in der Arbeit am und mit dem Hund, alles auszublenden, was einen inneren Fluss blockieren könnte.

Lernprozess/Konditionierung,

Wir haben das Thema Konditionierung angesprochen. In jedem einzelnen System kommt sie zum Tragen. Hier nun eine kleine theoretische Erklärung, um ein allgemeines Verständnis im Bereich Reizverknüpfung zu schaffen.

Um Reize optimal zu verknüpfen, bedarf es eines exakten Timings.

Eine optimale Konditionierung findet genau dann statt, wenn die angestrebten Verknüpfungen binnen 0,5 Sekunden zusammengebracht werden. Vereinfacht ausgedrückt: Mein Hund zeigt ein Verhalten – Sitz – und ich bestätige mit einem Verstärker (Futter) innerhalb von 0,5 Sekunden die gerade geforderte Handlung. 0,5 Sekunden. Lassen Sie sich diese Zeitspanne mal auf der Zunge zergehen. Schauen Sie auf die Uhr. Wenn der Sekundenzeiger nur einen Takt schlägt, dann seien Sie bemüht und erhaschen Sie die Hälfte dieses Sekundenschlages. Erkennen Sie nun was Timing heißt?! Jetzt beziehe ich unseren talentlosen Hundefreund noch einmal in die Handlung mit ein. Ohne ihn abzuwerten, sondern nur um aufzuzeigen, dass eine Vielzahl von Menschen, aufgrund ihres Alters, ihrer Trägheit, ihrem Unverständnis, vielleicht einer Krankheit, ihrer grobmotorischen Veranlagung, aber auch durch das unsachgemäß weitergegebene Hintergrundwissen von Bestätigungsgrundlage, gar nicht in der Lage sind, dieses Zeitfenster zu erreichen.

Neurologisch betrachtet kann man davon ausgehen, dass eine Nervenerregung nur 3 Sekunden lang existiert. Dummerweise ist die optimale Assoziation zu einem Reiz jedoch deutlich kürzer, was wiederum dazu führen muss, dass die meisten Menschen bei ihrem Hund unbewusst etwas verknüpfen, was mit der eigentlichen Situation und Handlung des Hundes gar nichts mehr zu tun hat, weil die Bestätigung erst nach sekundenlangem Kramen in der Futtertasche erfolgt. Fehlverknüpfungen sind somit einfach vorprogrammiert und ziehen den Lernprozess deutlich in die Länge. Stellen wir uns den Menschen vor, der mit schwer beladener, nach vorn gerichteter, umgeschnallter Futtertasche, in marineblau – die nicht selten so groß wirkt, das ich meinen Jahresurlaub darin verstauen kann – am Wegesrand mit seinem Hund das 1 x 1 der Hundeerziehung probt. Dass die Krankenkassen eigens für diese Kategorie Hundeerzieher eine gesonderte Abteilung mit dem Krankheitsbild „Futtertaschenrückschmerzensyndrom im Lendenbreich“ kreiert haben, brauche ich nicht weiter zu erwähnen.

Diese plastische Bild des bepackten Futterspenders, dem wir nun mal alle hier und da begegnen, kennt jeder. Seien Sie ehrlich! Dieser Vergleich soll nicht der Abwertung dienen, auch wenn es etwas ins Witzige gezogen ist. Einige kennen mich ja nun schon eine Weile. Manchmal kann ich gar nicht anders! Sehen Sie es mir also etwas nach, liebe futtertaschenschmerzsyndromleidende Menschen. Ich möchte nur etwas verdeutlichen und kann Sie beruhigen: Auch ich verwende hier und da Futter, wenn bestimmt Bereiche gearbeitet werden wollen. Ich gehöre also situativ zu Ihnen, auch wenn nicht ganz so bepackt und in Marineblau nuanciert. Ernsthaft: Ganz gleich, wer sich nun angesprochen fühlt oder nicht. Worum es mir in diesem Abschnitt geht, ist subjektiv meine Beobachtung zum Ausdruck zu bringen, die vielleicht hilfreich sein kann, dieses Modell der Belohnung besser zu verstehen.

Was mir nun diesbezüglich häufig auffällt, ist der von einigen Hundehaltern offensichtliche Glaube, dass die Futtergabe, ganz gleich wann und in welchem Kontext gegeben, schon alleine zu einem positiven Verhalten führt und der Hund artig und beständig des Menschen Ödipussikomplex bedient. Ganz frei nach dem Motto: Arti sei artig, dann bekommst du auch einen Keks. Da fällt mir gerade überraschenderweise Loriot ein. Jetzt drehen sich die Gedanken in meinem Kopf und sofort, im Gegenzug, zeigt sich mir das Bild eines etwas zu wohl gefütterten Hundes, der mit seinem breiten Hintern und ausgestreckten Beinen auf einer Wiese sitzt – einem sitzenden Bären im Gehege eines Zoos gleichend – genüsslich seinen Keks kaut, den ihm die Halterin mal nebenbei zum 12. Mal in den Rachen geschoben hat, weil Arti ja so artig schon seit 10 Minuten auf seinem Fleck sitzt und artiartig alle Hunde vorbeilaufen lässt.

Dieses Vorgehen ist grundsätzlich nicht verboten. Betrachtet man es aber aus der Sicht der Verhaltensänderung, sollte jedem klar sein, dass ein Zufüttern in keinster Weise etwas mit einem durchdachten System zu tun haben kann. Leider eine gängige Vorgehensweise, die von einigen Trainern auch so gelehrt wird. Immer rein in die Futterluke. Einigen ist es sogar egal, wer den Hund füttert. Hauptsache er wird positiv fett gefüttert.

Fazit: Das System der positiv Belohnung ist alles andere als einfach und kann nicht mal nebenbei gemacht werden. Es bedarf schon etwas Vorausschau im Training und vor allem erfordert es absolute Genauigkeit. Der unangefochtene Vorteil dieses Belohungsmodells ist die Tatsache, dass man hier nicht wirklich etwas in der Mensch-Hund-Beziehung zerstören kann, sollte man sich im Fehler befinden. Sie ist das Modell, welches am wenigsten Konflikte zwischen Mensch und Hund entstehen lässt. Ob es jetzt die optimale Wahl ist, sei erst einmal dahin gestellt.

Aufgrund dessen, dass der Mensch in aller Regel, bei allem was er tut, viel zu emotionsgesteuert vorgeht, ist dieses System, für eine Reihe von Menschen, eine vortreffliche Wahl. Sie ist definitiv kein Garant für eine substanzielle Beziehung und ein fehlerhaftes Timing wird störendes Verhalten verschlimmern können, da die schon beschriebene, unüberlegte Futterzugabe der Ödipussifraktion in diesem System zusammenhanglose Situationen bestätigt. Es kann somit also auch genau das Gegenteil von dem bewirkt werden, was erwünscht ist. Eine Beziehung, die auf Respekt und Vertrauen aufbaut, kann und wird hier nie entstehen. Den meisten Menschen ist es nach meiner Erfahrung aber eh egal, mit welcher Substanz das Beziehungsgeflecht zu ihrem Hund geflochten ist. In der Regel erkauft sich der Zufütterer eine oberflächliche Akzeptanz und erfreut sich an der materiellen Liebe. Sie ist nicht so anstrengend und erfordert auch weniger Konsequenz. Manchen reicht das eben, und das ist gut so!

Greifen wir noch einmal in das Regal der Modelle, da wo alle Belohnungen/Strafen geordnet stehen. Da haben wir es! Die negativ Belohnung. Moment mal, werden sich einige fragen. Wie kann ich denn bitte schön etwas negativ belohnen? Wie auch die positiv Belohnung ist der Grundgedanke dieses Systems der, dass ein erwünschtes Verhalten gefördert wird. Während die positiv Belohnung die Emotion Freude anspricht, schafft die negativ Belohnung eine Erleichterung im Gemüt. Verhilft man dem Hund aus einer unangenehmen Situation zu entkommen, in der er Unbehagen empfindet, wie zum Beispiel einer Zwangsmaßnahme, einer belastenden Situation, in der Stress oder Angst empfunden werden, aber auch, wenn wir den Hund sein dringendes Geschäft erledigen lassen, dann befinden wir uns schon im Bereich der negativ Belohnung. Verstehen müssen wir als Laie nur, dass wir auch hier ein erwünschtes Verhalten fördern, da uns die Emotion Erleichterung dahin lenkt, ein Verhalten zu zeigen, dass uns den innerlich befreienden Zustand garantiert, um das erdrückende Unwohlsein hinter uns lassen zu können.

Strafe? Damit will ich nichts zu tun haben!

Hier stehen sie! Die scheinbar schwarzen Bücher der Hundeerziehung. Die Bücher der Strafen! Denn es gibt zweit davon. Verpönt, öffentlich gemieden, haben diese Bände seit eh und je einen bitteren Beigeschmack. Nur das Anschauen der im Regal stehenden Bücher, wirkt in der Welt der modernen Hundeerziehung wie Ketzerei. Der Versuch sie zu lesen, geschweige denn dessen Bedeutung in Silben zu sprechen, scheint Verbrechen genug zu sein, um in Diskussionen auf die Strafbank gesetzt zu werden.

Doch ich wage den Schritt, Ihnen nahe zu legen, was die Strafe in der Verhaltensarbeit mit Hunden tatsächlich bedeutet. Das wichtigste Faktum für den Hundeführer ist vorerst zu wissen, dass wir in der Welt des Hundes nicht in Plus und Minus denken dürfen. Im Bereich der Hundeerziehung ist die Strafe, rein menschlich bewertet, absolut kontraproduktiv, da es in der menschlichen Denke sofort eine Vorstellung vom gemeingefährlichen Tierquäler schafft, wovon, vor allem die ganzen Fachportale wie Facebook und Co, ihre Kraft ziehen. Sie lieben das Vorurteil und sind Meister in der Rede. Eine, die selten eine Wertigkeit zu Tage bringt.

Gehen wir nun fachlich in medias res und lassen Sie uns eines vorab erkennen: Wir strafen alle was das Zeug hält, nur ist es den wenigsten bewusst, weil sie eben mit Strafe Zwang und Prügelei verbinden. Im fachlichen Bereich darf die Strafe nicht mit einer dieser emotionalen und körperlichen Entgleisung verglichen werden. Zwar ist die Strafe in der Verhaltensarbeit nicht ohne und bei falscher Umsetzung ein geschickter Kreateur von Fehlverknüpfungen. Auch muss man darauf hinweisen, dass der Strafbereich, egal welches Modell hier seine Anwendung findet, ein hohes Maß an Fachwissen und technischem Geschick erfordert. Die Strafe unterliegt klaren Voraussetzungen und erfordert Bedingungen, die eingehalten werden müssen, um einen sauberen Ablauf zu gewähren.

Worum geht es in der Strafe?

Vereinfacht noch einmal dargestellt:

Strafe – ein unerwünschtes Verhalten wird weniger.

Belohnung – ein erwünschtes Verhalten wird mehr.

Bevor nun aber wieder so mancher antiautoritäre Erziehungspinsel die Fahne schwenkt und lauthals in die Runde ruft: „Sag ich ja. Wir belohnen nur das gewünschte Verhalten, das mache ich bei meinen Kindern auch so und sie sind so frei in ihrem Sein. Wir Strafen nicht, denn Strafe ist etwas aus dem Mittelalter und Tiere brauchen, wie unsere Kinder auch, nur Verständnis und Liebe“, lassen sie mich eines dazu sagen. Meinem Empfinden nach sind dies aber auch häufig die Kinder, die null Benehmen am Leib haben und den ganzen Tag klugscheißen, während sie jeden Erwachsenen als Kumpel ansehen. Ich mag Kinder, solange sie sich in die Welt der Erwachsenen integrieren lernen. Dabei muss das Kind natürlich Kind sein dürfen, doch es hat sich mir persönlich noch nie erschlossen, weshalb ein erwachsener Mensch sich im Umgang mit einem Kind selbst wie eines verhalten muss. Respekt und Achtung gegenüber dem Alter zeigt immer ein hohes Maß an Charakter. Denn es ist das Alte, was das Junge formt.

Das Modell von Dauerverständnis für Fehltritte kann nicht das Nonplusultra sein, denn wäre es das, dann hätte ich keine Kunden mehr. Viele meiner Klienten haben auf dem Erziehungsweg mit ihrem Hund soviel belohnt und ignoriert, dass sich der Dalai Lama höchstpersönlich bei ihnen gemeldet hat, um das Übermaß an Toleranz wertzuschätzen. Außer dem schönen Telefonat hat es dann doch nichts gebracht. Die Verhaltensauffälligkeiten blieben bestehen und wurden oftmals noch schlimmer.

Die Einstellung, das ein Erziehungsmodell wie CAT (Ignorieren – Belohnen) das modernste und tierschutzkonformste System ist, darf man gern für sich gelten lassen. Doch wie alles im Leben hat auch dieses angepriesene Belohnungssystem seine Kehrseite. Betrachtet man die englischen Hütehunderassen, die, auf Grund ihrer genetischen Disposition, dazu neigen sehr schnell in einen Eustress zu gelangen, sobald sie in einer Erwartungshaltung stehen, wird klar, dass auch positiver Stress schwere Schäden anrichten kann. Der höchste Grad der positiven Emotion ist die Ekstase. Ein Hund der sich aufgrund eines übertriebenen Clickertrainings permanent in diesen Zustand hochkatapultiert, läuft in die gleiche Gefahr, wie ein Hund, der sich permanent im negativen Stressbereich befindet. Die biochemischen Prozesse sind die Gleichen.

Strafen müssen wertfrei sein.

Kein Plus, kein Minus, kein Schlecht, kein Gut, kein Antiautoritär ist die wahre Freiheit. Bei der Strafe geht es im fachlichen Kontext um den Abbruch eines gezeigten Verhaltens. Das klingt einfach, doch ist die Theorie leider mindestens genauso komplex, wie die Praxis. Besonders die positiv Strafe ist in ihrem inneren Konstrukt absolut komplex. Wir müssen zunächst erst einmal beleuchten, welche zwei Modelle der Strafe ihre Anwendung finden und welche Emotionen damit ausgelöst werden.

In der Verhaltensarbeit werden Strafen ebenfalls in positiv und negativ unterteilt. Während die positiv Strafe das Meideverhalten im Hund anspricht, arbeitet die negativ Strafe im Bereich der Frustration. Doch wie schaffe ich im Hund Frustration? Ganz einfach! In dem ich den Hund etwas verweigere, was er begehrt. Das kann Futter sein, welches ihm aktiv verweigert wird. Das kann ein Motivationsgegenstand (Ball) sein, der zurückgehalten wird – verwehre einem Balljunkie den Ball und erfahre, was Frustration bedeutet. Aber auch der Freiheitsentzug durch ein Anleinen kann zur Frustration führen. Wir sehen das häufig. Sobald die Leine kurz genommen wird, weil der Hund in sein aggressives Muster fällt, steigt das Verhalten vehement an. Die Kombination Verwehren (negativ Strafe) und Schimpfen (positiv Strafe) bringt Feuer in den Kessel und der Hund frustriert, was nicht selten in einem Entladen am Besitzer führt. Die Menschen, die dann von ihrem Hund geschnappt werden, kennen dieses Szenario nur zu gut. Ohne das wir es bewusst wollen, bedienen wir mit unserem Handeln das Modell der positiven als auch der negativen Strafe. Dieses kleine Beispiel zeigt eigentlich schon sehr deutlich, dass wir sehr häufig mit Strafen arbeiten, ohne dass es uns bewusst ist.

Der Ansatz der negativ Strafe.

Das Ausführen der negativ Strafe soll dem Hund, durch ein vorher ausgearbeitetes, sauber verknüpftes Signal (Schade, Nein, Discgeräusch) anzeigen, dass er an einer Belohnung meilenweit vorbeigeschossen ist, wenn er ein „Fehlverhalten“ gezeigt hat. Das schafft Frustration. Dieses Mitteilen des Belohungsentzugs zielt nun darauf ab, dass der Hund nicht über Umwege ewig lange herumexperimentieren muss, bis er begriffen hat, dass er danebenliegt.

Die negativ Strafe finden wir aber auch beim Anwenden einiger Hilfsmittel wieder. Jene Hundehalter, die freudig mit ihren Fisherdiscs herumwerfen, befinden sich, wenn sie dieses Utensil im Sinne des Erfinders tätigen, ebenfalls im negativen Strafansatz. Dabei sei zu erwähnen, dass das Werfen der Disc nicht dazu führen soll eine Handlung abzubrechen, sondern die originale Anwendung darauf ausgelegt ist, das Geräusch der Disc mit dem Verwehren einer Belohnung in Verbindung zu bringen, was wiederum Frustration erzeugen soll. Leider haben es die wenigsten verstanden und werfen die Disc ohne jegliches Wissen, weshalb diese Methode sofort in das andere Strafmodell gleitet – das der positiv Strafe. Rutscht die Disc in dieses Modell, sind Fehlverknüpfungen, besonders bei geräuschempfindlichen Hunden, aber auch allgemein ängstlichen Hunden, vorprogrammiert.

Jetzt wird es verrückt. Positives Strafen – wie soll das denn gehen?!

In der Hundeausbildung bedeutet positiv nichts anderes, wie etwas hinzufügen und negativ demnach etwas zu entfernen. Die positive Strafe arbeitet klar mit einer Handlung, die einen Abbruch zur Folge hat. Es wird also folglich ein Strafreiz hinzugefügt, der Verhalten unterbrechen soll. In der fachmännischen Ausführung ist sie komplex und unterscheidet sich deutlich von der emotionalen Anwendung vieler Hundeerzieher. Das Anschreien, Ketten werfen, Dosenwerfen, Leinenwerfen, Schelten und Schimpfen fällt leider genauso in die positiv Strafe, wie ein klar durchdachter Ansatz. Arbeite ich fachlich korrekt, dann muss der Strafreiz anonym erfolgen. Die positiv Strafe soll ein sauber verknüpftes Signal als Grundlage aufweisen, damit der Hund einen Zusammenhang zwischen Strafe und Handlung erkennen kann. Weiter ist ein Timing von 0,5 Sekunden Voraussetzung, um den Ansatz eines Fehlverhaltens mit dem Strafreiz optimal verknüpfen zu können. Der Strafreiz muss immer mit einer klaren Intensität, kontextbezogen zur Verfügung stehen, um nicht intermittierend zu Belohnungen zu stehen. Und das über mehrere Wochen. Die größte Schwachstelle ist hier der Mensch. Aufgrund dessen, dass die meisten Menschen gar nicht in der Lage sind, einen Strafreiz neutral und klar zu setzen, da sie den Ablauf menschlich bewerten und sofort ihr Gefühle in den Handlungsablauf drücken, kann die positiv Strafe nur bedingt zum Erfolg führen. Dieses Modell setzt auch voraus, dass es intensiv begleitet wird, um technischen und mentalen Schwächen frühzeitig entgegenzuwirken. Das sind nur einige Bedingungen, die notwendig sind, um dieses System konfliktfrei zu bedienen. Die positiv Strafe ist, richtig angewendet, unglaublich effektiv und daher auch so verlockend. Sie in ihrem Grundgerüst zu verstehen ist allerdings ganz und gar nicht einfach. Neigt ein Mensch dazu seinen eigenen Emotionen ausgeliefert zu sein, lässt er besser die Finger davon. Die positiv Strafe kann eine Mensch-Hund-Beziehung dauerhaft belasten, besonders wenn der Mensch null Fähigkeit besitzt, seinem Hund ehrliche Herzlichkeit zu geben. Autorität beinhaltet Mitgefühl, Liebe und bedingungsloses Handeln.

Wer welches System mit einem neuen Namen versehen möchte und für sich als Erfinder erklärt, darf das gerne tun. Blickt man tief in die Lernprinzipien des Hundes, dann ist einem sofort klar, dass sich alle Philosophien nur auf diese wenigen Grundsätze beziehen. Wie schon erwähnt kann man das Rad nicht neu erfinden, man muss nur wissen, wie man es effektiv dreht. Diesen Artikel zu schreiben, war für mich schon lange ein Beweggrund. Das Spartendenken von Gut und Böse, in Verbindung mit Belohnung und Strafe, geht mir schon ziemlich lange auf die Nerven. Gut ist der, der warmherzig alles bestätigt, was der Hund mit strahlendem Blick zum Angebot bringt und schlecht ist der, der sich wagt, seinem Hund mitzuteilen, dass er dessen Verhalten ganz und gar nicht akzeptabel findet.

Die Hundewelt scheint verlogen zu sein. Mehr als man denkt verhalten sich so einige Hundebesitzer wie bekanntlich gesonderte Kirchengänger, die sonntags in die Kirche gehen und montags ihre Frau schlagen. In der Welt der Hunde sind das jene Menschen, die ihrem Hund in der Ecke in den Hintern treten, weil das gezeigte Verhalten einfach nur nervt, und in der Öffentlichkeit so tun, als würden sie in jeder Situation frei von Fehltritten sein. Es sind aber auch die, welche dann überall anprangern und richten.

Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht, dass Ihnen Ihr Hund noch niemals auf die Nerven gegangen ist. Das würde ich gar nicht glauben können. Ich kann klar und deutlich bekennen, dass mir manche Eigenheiten meiner Hunde gewaltig auf die Nerven gehen und mit voller Überzeugung bekenne ich offen, dass mir meine menschlichen Unzulänglichkeiten in gewissen Situationen wesentlich wichtiger sind, als das situativ gezeigte, bescheuerte Verhalten eines meiner Hunde. Als Mensch niemals emotional zu reagieren ist schlichtweg unmöglich. Entscheidend sind die Art der Emotion und die Substanz der vorhandenen Beziehung zwischen Mensch und Hund. Weit ausgeholt und menschlich gedacht: Wenn ich einem guten Freund sage, dass er mich heute am Ar..h lecken kann, weil mir sein Theater auf die Ketten geht, dann sitzen wir den nächsten Tag trotzdem definitiv wieder zusammen und trinken ein Bier, weil die Substanz unserer Beziehung vieles aushalten kann. Aber wo nichts ist, da wird auch noch der letzte Funken einer Beziehungsmöglichkeit erlöschen, der irgendwo flimmernd um sein Leben bangt, wenn die Gehässigkeit, das Nachtragen eines Fehlers lenkt und alles erstickt, was an Achtung und Vertrauen jemals zugegen war.

Ich persönlich halte nicht viel von einem Erziehungsstil der keine Grenzen steckt. In meinen Augen ist Erziehung vergleichbar mit einem Bild in einem Rahmen. So schön der Rahmen auch sein mag, er hat immer eine Aufgabe: Der freien Gestaltung eine Grenze zu setzen. Mir selber missfällt der Gedanke, beim Hund ein Erziehungsmodell zu wählen, frei von Begrenzung, antiautoritär, vor allem auch deshalb, weil es selbst bei uns Menschen, wenn überhaupt, nur mittelmäßig funktioniert. Positive Belohnung hat auf Beziehungsebene immer eine Schwäche: Das demokratische Denken. Mit ihr sind zweifelsohne Veränderungsprozesse auf emotionaler Ebene möglich, welche man situativ auch nutzen soll. Ich persönlich arbeite in allen Systemen und tätige ihre Anwendung in Abhängigkeit von Mensch, Hund und dessen gegenseitiger Verbindung. Ich entscheide, was gerade verändert werden soll – Emotion oder Verhalten – und wähle den Ansatz, der eine grundlegende Veränderung am besten in die Wege leiten kann.

Wenn es bei meinen Hunden um in die Thematik Verlässlichkeit geht, dann fordere ich Verhalten ein und stecke klare Grenzen. Und hier darf jeder wieder sein eigenes inneres Bild bedienen. Für den einen bedeutet ein Abfordern mit Grenzen Konsequenz und ein klares Handeln. Für den anderen bedeutet es Feuerwerk mit Zwang und Druck. Emotionale Kompetenz – was bediene ich in mir selber?!

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Carsten Wagner

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