(oder: Wie aus Realität ein inneres Theaterstück wird)
Hinweis zur Lesbarkeit:
Dieser Text ist bewusst sachlich und in Abschnitte gegliedert.
Er kann kapitelweise gelesen werden.
Akt I – Die große Behauptung
Es beginnt wie viele dieser Geschichten beginnen:
mit einer Behauptung, die so dramatisch ist, dass man sich fragt,
ob man selbst eigentlich dabei war.
Ein Hund sei brutal getreten worden.
Blut aus Ohren und Nase.
Tierklinik.
Epileptischer Anfall.
Tod.
Eine Geschichte mit viel Pathos, viel Emotion –
und erstaunlich wenig Bezug zu dem, was tatsächlich passiert ist.
Eine kleine begriffliche Klarstellung
Nennen wir die Kundin in dieser Erzählung Frau Cara.
Akt II – Die unerträglich langweilige Wirklichkeit
Was wirklich geschah, war deutlich weniger filmreif.
Das Training war beendet.
Die Kundin ging mit ihren Hunden ein Stück weg.
Ein Hund riss sich los und rannte frontal auf mich und meinen jungen Hund zu.
Ich wusste nicht, wie mein Hund reagieren würde.
Ich wusste nur, dass eine frontale Kollision keine gute Idee ist.
Also tat ich etwas Unspektakuläres:
Ich streckte reflexartig meinen Fuß nach vorne –
nicht zum Treten,
sondern um einen Bogenlauf zu provozieren.
Der Hund bremste nicht.
Der Hund lief weiter.
Der Hund stieß mit dem Kopf gegen meine Ferse.
Ergebnis:
ein kleiner Cut am Auge.
Mehr war es nicht.
Akt III – Gelächter, Gespräche und ein bisschen Alltag
Jetzt kommt der Teil, der später gern verschwindet.
Es wurde gelacht.
Wir gingen gemeinsam zum Auto.
Unterwegs blieb man stehen,
unterhielt sich mit Passanten,
völlig entspannt.
Am Auto trainierte ich noch mit dem anderen Hund.
Ganz normal.
Ruhig.
Sachlich.
Wer hier einen Notfall sehen will,
muss erklären,
warum zwischendurch Smalltalk geführt
und Training fortgesetzt wurde.
Akt IV – Verantwortung (der Teil, der selten zitiert wird)
Ich sagte sofort:
Bitte lass das tierärztlich abklären.
Ich übernehme die Kosten.
Der Tierarzt stellte später fest:
- oberflächliche Verletzung
- äußere Schwellung
- kein inneres Auge betroffen
- keine neurologischen Auffälligkeiten
Medizinisch war der Fall erledigt.
Später kam kein Gespräch.
Keine Nachfrage.
Keine Klärung.
Es kam ein Anruf.
Betrunken.
Aggressiv.
Mit Drohungen.
Nicht die Stimme eines Menschen,
der verstehen will –
sondern eines Menschen,
der etwas loswerden muss.
Akt V – Wenn die innere Geschichte lauter ist als die Realität
Ab hier ging es nicht mehr um den Hund.
Nicht um den Cut.
Nicht um Fakten.
Es ging um Überforderung.
Um Kontrollverlust.
Um das Bedürfnis, jemanden verantwortlich zu machen.
Aus einem Stolpern wurde Gewalt.
Aus Verantwortung Schuld.
Aus einem ruhigen Nachmittag ein Drama.
Nicht, weil es so war –
sondern weil es so gebraucht wurde.
Epilog
Ich schreibe das nicht aus Wut.
Nicht aus Rechtfertigung.
Sondern damit ich es beim nächsten Mal nicht erklären muss.
Der beschriebene Vorfall liegt viele Jahre zurück.
Die Erzählungen darüber sind es nicht.
Dann reicht ein Link.
Denn:
Wahrheit schreit nicht.
Sie steht einfach da.
Nachtrag
Epilepsie ist kein Unfall – sondern ein Langzeitproblem
Fachliche Einordnung:
Der folgende Abschnitt dient der medizinisch-sachlichen Klarstellung.
Weil im Zusammenhang mit dieser Geschichte immer wieder ein Begriff fällt,
der emotional wirkt, aber fachlich missbraucht wird,
hier eine klare Einordnung.
Nicht weich.
Nicht tröstend.
Sondern korrekt.
Epilepsie entsteht nicht aus einem Moment
Ein epileptischer Anfall entsteht nicht durch:
- ein Anstoßen
- einen kleinen Cut
- einen Reflex
- einen Spaziergang
- einen einzelnen Stressmoment
Epilepsie ist kein Ereignis.
Sie ist das Resultat eines
dauerhaft destabilisierten Nervensystems
oder einer genetischen Disposition –
häufig beides.
Was das Nervensystem wirklich belastet
Veterinärmedizinisch belegt sind Faktoren wie:
- chronischer Stress
- fehlende Ruhe
- dauerhafte Reizüberflutung
- instabile Lebensumstände
- emotionale Unruhe im Umfeld
Hunde tragen ihr Zuhause im Nervensystem.
Nicht draußen entsteht Krankheit –
sondern dort, wo Zustände andauern.
Der unbequeme Teil
Wer einen neurologischen Zustand
auf einen einzelnen Vorfall schiebt,
erspart sich die Frage nach dem Alltag.
Und das ist bequem.
Aber nicht ehrlich.
Ein Cut macht keine Epilepsie.
Ein Reflex macht keinen Hund krank.
Aber dauerhafte Misszustände tun es.
Schlussklartext
Wer einen Moment verantwortlich macht,
um jahrelange Zustände nicht ansehen zu müssen,
erzählt keine Wahrheit –
sondern eine Entlastungsgeschichte.
Formale Anmerkung
Da im Zusammenhang mit dieser Geschichte weiterhin öffentlich schwerwiegende Behauptungen aufgestellt werden,
möchte ich an dieser Stelle etwas Ordnung ins Verfahren bringen.
Meine Anwältin hat bereits versucht, schriftlich Kontakt aufzunehmen.
Bisher ohne Erfolg.
Die hinterlegte Adresse ist nicht eindeutig zuzuordnen,
Post kam nicht zustellbar zurück,
eine persönliche Erreichbarkeit besteht bislang nicht.
Daher die sachliche Bitte:
Wären Sie so freundlich, Ihre ladungsfähige Adresse zu überprüfen und zu aktualisieren?
Meine Anwältin würde sich gern direkt mit Ihnen austauschen.
Öffentliche Vorwürfe lassen sich gut formulieren.
Juristische Klärungen benötigen jedoch etwas weniger Bühne
und etwas mehr Verlässlichkeit.
Ob eine verschleierte Adresse in diesem Zusammenhang sinnvoll ist,
darf jede Leserin und jeder Leser für sich selbst beurteilen.
Klar ist: Wer laut behauptet, darf auch erreichbar sein!
Mit Hunden leben
