Welpenerziehung

Welpenstunden, oder was spricht dagegen?

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geschrieben von Carsten Wagner

Ich persönlich habe erst einmal nichts gegen die vielen Angebote in einigen Hundeschulen. Sie bringen Hund und Mensch zusammen, bieten somit eine unterhaltsame Freizeitaktivität an und gestalten die Möglichkeit, Wissen und Informationen austauschen zu können. Im Großen und Ganzen also eine wunderbare Sache. Können nun solche zahlreichen positiven Aspekte Grund zum Zweifel haben? Was gibt es also zu bemängeln? Für mich einiges.

Viele dieser Hundestunden gleichen einem Kaffeekränzchen, ohne Struktur und sachlichen Aufbau. Die Hunde können sich austoben und die Besitzer führen unterhaltsame Gespräche. Da wird gerauft und gespielt. Die Stimmung heizt sich auf wie in einem Schnellkochtopf. Die innige Stimmung zwischen Halter und Halter kippt genau dann, wenn sich ihre vierbeinigen Kinder in die Haare bekommen. Das Empören der Halter erreicht seinen Höhepunkt, wenn ein Raufbold ein Fellbüschel des anderen Welpen im Maul hat und der Unterlegene lauthals aufschreit. Noch lauter als der Welpe schreit dann der Besitzer. Hektisch geht es zu, wenn der Übeltäter oder das Opfer – in diesem Fall spielt es selten eine Rolle – ein Bullterrier-Welpe ist. Mit Herzrasen und einem Blutdruck von 240 wird der andere Welpe nach dem „Kampf“ in den Arm genommen und begutachtet, ob er diese Attacke überlebt hat, denn ein Bullterrier war involviert. Bullterrier sind Täter – niemals Opfer. In diesem Zustand ist eine objektive Ursachenforschung meist nicht mehr möglich. Es gibt viele solcher Geschichten, wo nicht zuletzt die Besitzer gebeten wurden zu gehen, um keine Missstimmung in der Gruppe aufkommen zu lassen, da diese Rasse ein zu hohes Aggressionspotenzial aufweist und die Kunden sich nicht mehr wohl und sicher fühlten. Dabei hat das Fachpersonal aus lauter Mitteilungsfreude übersehen, dass der Bullterrierwelpe von einem unerzogenen Terrier die ganze Zeit bedrängt und attackiert wurde. Ihm blieb dann gar nichts anders übrig als die Dinge zu klären, denn schließlich sollen die Welpen das unter sich aus machen, solange der Bullterrier sich bedeckt hält. Erst letzte Woche hatten wir einen Kunden, der mit seinem Bullterrier abgelehnt wurde. Das ist eine Haltung, die ich gar nicht verstehen kann. Allerdings keine Seltenheit.

Was lernt der Hund in diesen Spielstunden wirklich?

Hunde sind zum Spielen da oder Angriff ist die beste Verteidigung. Man kann Hunde, die an solchen Welpenstunden teilgenommen haben, oft gut erkennen. Sehen sie in der Ferne einen Hund, dann flippen sie regelrecht aus. Mit Mühe und Not hat der Besitzer hier alle Hände voll zu tun, seinen Hund in einen ruhigen Zustand zu bringen. Diese Hunde haben oft nicht gelernt, dass der Hundebesitzer doch das Zentrum der Welt ist, weil dies in den Stunden auch nie vermittelt wurde. Tür auf, Hund rein, spielen lassen. Das kann doch nie gut gehen. Hunde sollten erst mit anderen Hunden in Kontakt treten, wenn eine Beziehung zum Halter aufgebaut wurde, ihr Energielevel entspannt und ausgeglichen ist.

Die Zeit sinnvoll nutzen, sie kehrt nicht zurück!

Der Welpe ist zu Beginn in seiner Entwicklung unglaublich rasant, so dass ich beim Aufbau nichts dem Zufall überlasse. Er kann und muss so viel mehr verstehen als das zu oft angebotene Kindergartengeplänkel, denn dafür hat er auch gar keine Zeit, da seine Entwicklungsphasen zeitlich begrenzt sind. Ist es nun wirklich so wichtig, gleich eine Welpenspielstunde aufzusuchen, denn schließlich liest man ja überall, dass der Welpe sofort mit fremden Hunden und Menschen Kontakt haben muss, damit er sozial verträglich wird? Besonders Hundeanfänger, mit dem ersten Welpen in der Hand, werden mit diesen Ratschlägen regelrecht attackiert. Komplett verunsichert rennen sie hastig in eine Schule, damit bloß alles gut läuft, ihr Hund kein Beißer wird und der Welpe auch ja mit allen Menschen und Hunden Freund wird.

Ein besonnener Aufbau bringt mehr Stabilität als ein überhastetes Handeln.

Die erste Grundvoraussetzung für eine entwicklungsfördernde Spielstunde meines Hundes mit anderen Welpen ist der Beziehungsaufbau zu mir. Und zwar nur zu mir. Bevor mein Welpe eine Spielgruppe sieht, sollte er erst einmal lernen, sich auf mich verlassen zu können. Somit baue ich in den nächsten 4 Wochen ein stabiles Beziehungsgerüst auf. Das Aufrechterhalten und Ausbauen des Folgetriebs steht an erster Stelle, so wie das Aufbauen eines Bindungssignals. Nur mit diesem Signal lenke ich meinen Welpen, alles andere lasse ich außen vor. Hat der Hund in diesen 4 Wochen saubere Verknüpfungen des Bindungssignals, Sitz und Platz erlernt, geht es in den ruhigen Hundekontakt, um meinem Welpen die unterschiedlichen Spielkulturen zu vermitteln, die für seine Entwicklung recht förderlich sein können. Was ich als sehr bereichernd sehe, ist, meinen Welpen mit einem ausgebildeten, souveränen, neutralen erwachsenen Hund in Kontakt treten zu lassen – jedoch nicht, bevor ich mit dem Welpen in der Beziehung stehe, damit er schon schnell lernt, was es heißt, neutral im Rudel zu ziehen.Als Nebeneffekt arbeite ich später über den ausgebildeten Hund den Rückruf ein. Nur rein situativ, aber schon besonders effektiv. Da mein Welpe in den ersten Wochen in Ruhe und Beziehung geschult wird, nimmt er diese Dinge ganz anders wahr. Hunde lernen durch Beobachten.

Bevor mein Welpe also nicht gelernt hat, sich auf mich zu beziehen, setze ich den kleinen Racker keiner wilden Horde aus, denn es ist keine Seltenheit, dass Hunde in diesen Stunden bestürmt und überrannt werden. Schnell ist so ein kleiner Zwerg damit überfordert. Tritt diese Situation ein, wo soll der Welpe sich dann bitte ausrichten, wenn der erste wichtige Grundstein nicht gelegt ist? Nicht selten hört man in diesen Stunden, dass die Welpen entstandene Differenzen untereinander klären sollen. Sucht der Welpe beim Halter Schutz, wird dieser sogar gebeten, sich vom Hund zu entfernen, damit er lernt, sich mit den Dingen auseinander zu setzen. Mehr kann man das Vertrauen gar nicht belasten. Wenn mir mein Welpe schon so viel Vertrauen schenkt, indem er sich hinter mir versteckt, wie könnte ich ihn im Stich lassen? Kein Muttertier würde auch nur im entferntesten so handeln. Das ist mir alles viel zu heikel. (Man darf ihn in dieser Situation allerdings nicht bemuttern; es reicht, dass man da ist und die anderen Hunde auf Abstand hält.)

Meine achtwöchigen Welpen sehen in den nächsten 4 Wochen fremde Hunde und fremde Menschen nur aus einer respektablen Entfernung. Das Geschrei ist nicht nur auf den Straßen groß, wenn ich die Leute bitte, meinen Welpen nicht anzusprechen und ihn schon gar nicht anzupacken. Noch verrückter wird es, nehme ich den kleinen Kerl auf den Arm, wenn ein Hund freudestrahlend mit Dampf und Dynamik auf uns zu rennt und ich diesem Hund den Zugang zu meinem Welpen verwehre. „Sie müssen den Welpen sofort runter lassen“, wird dann forsch artikuliert. Mache ich dem Halter dann klar, dass ich einen Teufel tun werde, diesen kleinen Zwerg ihrem 40 kg schweren, unerzogenen, hysterischen Labrador zum Spielen vorzuwerfen, ist es aus. Das Netteste, was ich dann höre, ist das Benennen einer Körperöffnung. Mein Welpe wird bedauert und mein Tag geht fröhlich weiter.

Ich halte es für sehr effektiv, dass mein Welpe erst dann mit fremden Menschen und fremden Hunden Kontakt hat, wenn er verstanden hat, dass der Reiz immer zu ihm kommt und nicht umgekehrt. Hat mein Welpe diese einfache und doch so wichtige Lektion gelernt, spricht nichts dagegen, wenn mein Welpe gestreichelt wird; jedoch nicht, wenn er zu jemandem hinrennt. Was ist schon daran sinnvoll, den Welpen permanent im Außen bestätigen zu lassen. Es ist später so mühselig, ihm wieder Dinge nehmen zu müssen. Zeige dem Hund nur das, was du später auch willst, denn dann vermisst er auch nichts. Einfacher geht es nicht. Der Mensch verstrickt sich zu gern in die Komplikation und wundert sich, wenn der Konflikt mit Fahnen weht.

Diese 4 Wochen sind so entscheidend, und bei aller Befürchtung, mein Hund könnte asozial werden, weil er 4 Wochen keinen Kontakt mit fremden Menschen und Hunden hat, tritt genau das Gegenteil ein. Da der Welpe in den ersten 8 Wochen alle wichtigen Phasen durchlebt hat, die ihn prägen, früh sozialisieren und lehren, im Rudel zu leben, weiß er, was ein Hund ist, was ein Mensch ist, was andere Reize sind, wenn Sie bei einem verantwortungsbewussten Züchter gekauft haben. Wenn also ein Dalmatiner um die Ecke kommt, ist meinem Welpen definitiv bekannt, dass das keine Kuh ist. Seine prägungsähnliche Phase hat dafür gesorgt. Etwas anders würde es sich verhalten, hätte nur ein Welpe in einem Wurf das Tageslicht der Welt erblickt. Hier wäre es von viel größerer Wichtigkeit, den Hund so schnell als möglich mit einem souveränen Hund in Kontakt treten zu lassen.

Die 12. bis 18. Lebenswochen sind die wichtigste Zeit für die Entwicklung eines Hundelebens in Bezug auf Umweltreize und Lernerfahrungen. Ab der 12. Woche ist es ratsam den Welpen mit anderen Hunden in Kontakt treten zu lassen, die sorgsam ausgesucht sind. Es ist selten möglich und doch so unglaublich effektiv, fände man in dieser Zeit die passenden Welpen und den passenden souveränen jungen Rüden, der diesen Haufen überwacht und den Rackern zeigt, was Autorität wirklich ist. Leider vermitteln einige dieser angebotenen Welpenstunden nicht annähernd, was Klarheit, Fairness und Autorität ist, weshalb man sich dies dann auch besser sparen kann.
Ich lernte einen Bullterrier kennen, Willi ist sein Name, der genau das übernahm, was viele Hundetrainer versuchen. Fair, autoritär und emotionslos zu erziehen, ohne dabei zu vergessen, die nötige ehrliche Herzlichkeit zu vermitteln, die nach der Regulation von absoluter Wichtigkeit ist. Ich habe noch nie einen so souveränen Welpenerzieher gesehen wie diesen „Ausbilder“. Menschen mit Welpen riefen die Besitzerin an, damit Willi den Grundstein für Respekt und Vertrauen legte. Letztes Jahr konnte ich mich davon überzeugen, wie er einem recht frechen Zwergpinscher erklärte, was es heißt, Autorität anzuerkennen. Der kleine Pinscher rannte mit Gebell auf den Bullterrier zu, der sich diese große Klappe für einen kurzen Moment total unbeeindruckt ansah, ohne seine Mimik zu verändern, was bei einem Bullterrier eh nicht selten ist, bis er blitzschnell seine Pfote auf den Hund knallte und ihn so lange festhielt, bis er Ruhe gab. Dann setzte er seine beeindruckende Erscheinung in Gang und stellte ihn so lange, bis der übermütige Pinscher ganz brav neben Willi saß und die Welt das erste Mal im Gleichgewicht erkannte.

Es war sehr lehrreich, zu erkennen, dass man hier als Mensch abgeben sollte, weil dieser Umgang mit Welpen so viel klarer in der Aussage ist als wir Menschen es je schaffen könnten. Würde nun in dem ausgesuchten Haufen der Welpen eine kleine Rauferei stattfinden, dann kann man bei einem Hund wie Bullterrier Willi davon ausgehen, dass er genau spürt, wer der Übeltäter des Streites ist. Diszipliniert nämlich der Trainer im falschen Moment den falschen Welpen, weil man meint, der Unterlegene ist auch immer der Unschuldige, dann richtet solch ein Verhalten fatale Fehler an. So gesehen können einige dieser Stunden der Auslöser für unsoziales Verhalten sein. Ich habe es nicht selten gesehen, dass bei einer Rauferei alles wild umher schreit und der Trainer beeinflusst vom Geschrei und Gezeter bewertet. Ein Hund wie Bullterrier Willi richtet nicht nach Rasse, Sympathie und dem finanziellen Stand so mancher Kunden, wie es leider einige Hundetrainer zu oft tun. Er bleibt unparteiisch und hält die Gerechtigkeit aufrecht. Hunde sind eben unbestechlich.

Sollten Sie mit dem Gedanken spielen, solch eine Welpengruppe aufzusuchen, dann achten Sie darauf, dass es nicht unbedingt mehr als 4 Welpen sind, die auf Größe, Alter und Charakter abgestimmt sind. Erst vor kurzem hat mir ein Kunde erzählt, dass er mit seinem Miniatur-Bullterrier in eine Welpenspielstunde gepackt wurde, auf Grund der Größe des Hundes. Der Bullterrier war allerdings schon weit über das Welpenalter hinaus. Dass diese Aktion nicht besonders bereichernd für alle war, kann man sich wohl denken. Seien Sie auch etwas skeptisch, wenn Ihnen gleich das Rudelprinzip aufs Auge gedrückt wird. Ein Rudel ist etwas ganz anderes als das Zusammentreffen von Welpen in einer Spielstunde. Ein harmonisches Miteinander im Rudel kann doch nur dann entstehen, wenn die Welpen 24 Stunden am Tag täglich zusammen sind. Das Rudel lebt zusammen! Alles wird in dieser Zeit eingespielt. Die Rangordnung, die Rudelordnung, die Spielphasen, das gemeinsame Fressen, das soziale Miteinander, die Ruhephasen. All diese wichtigen Abschnitte des Tages sind so fein abgestimmt, dass gar kein Platz für etwas Fremdes ist. Das Geflecht dieser sozialen Struktur ist so komplex, dass es von Vorteil wäre, nicht leichtfertig einen zusammengewürfelten Haufen einer Spielgruppe ein Rudel zu nennen. Harmonie sieht oft anders aus.

Suchen Sie also bitte mit kritischem Auge und hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Erst wenn Kopf – Herz – Bauch übereinstimmen, sind Sie richtig. Haben Sie nur den geringsten Zweifel, dann lassen Sie es und suchen Sie weiter. Ein großer Trainer sagte einmal: “Ein Hund braucht keinen anderen Hund um glücklich zu sein, er braucht den Menschen und seine Führung.”

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Carsten Wagner

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