Verhalten &. Bindung

Wenn die beste Beziehung nicht reicht

und geht im Bei mir ruhig an einem .anderen Hund vorbei
geschrieben von Carsten Wagner

Dein Hund pöbelt an der Leine? Dann arbeitet an eurer Beziehung. Diesen Satz hört man überall. Warum er im Alltag nicht reicht und was ein Alternativverhalten wirklich leisten muss.

Dein Hund pöbelt an der Leine? Dann arbeitet an eurer Beziehung. Dein Hund vertraut dir nicht genug. Würde er dir vertrauen, würde er es lassen. Solche Sätze hört man heute überall, und meistens folgt gleich noch einer hinterher: Lernt erst mal Ruhe, dann lösen sich die Themen von allein.

Ein Satz reicht nicht

Zwischen Beziehung, Ruhe und Pöbeln liegt aber ein ganzes Universum. Da sind Typen, Genetik und Erfahrungen, da ist alles, was dein Hund mitbringt und was er erlebt hat. Mit einem einzigen Satz kommst du da nicht durch, dafür stehen zu viele Sterne darin. Eure Beziehung ist einer davon, ein wichtiger, aber nicht der einzige. Und zu jedem Stern gibt es mehr als einen Weg.

Ist Leinenpöbelei also einfach abzustellen? Nein. Es reicht nicht, sich vor den Hund zu stellen, denn viele schieben dich dabei einfach beiseite. Und es reicht auch nicht, auf eine bessere Beziehung zu hoffen, denn der Alltag geht ja weiter.

Beziehungsarbeit ist nämlich wie eine Paartherapie. Du gehst einmal die Woche zur Sitzung, danach arbeitet das Thema in dir. Was bleibt, ist der Alltag zwischen den Sitzungen. Und genau dort stehst du: mit deinem Hund an der Leine und dem Hund, der euch entgegenkommt.

Es gibt Hunde, denen sagst du „Lass das“, und die Sache ist durch. Blöderweise werden genau diese Hunde als Beispiel hingestellt. So geht das, du musst nur mehr üben. Und dann stehst du da mit deinem Hund, der die erste Silbe deines Satzes gar nicht mehr hört, weil er so auf Zündung ist, dass du neben ihm kein offenes Feuer machen darfst.

Ich denke, dass die Beziehungserklärung oft genau dann in die Runde geworfen wird, wenn nicht erkannt wird, welches Werkzeug der Hund stattdessen bräuchte. Formales wird belächelt, und die soziale Schiene soll der Schlüssel für alles sein.

Dass Wachsen und Verbinden elementar sind, bestreitet niemand, und bei uns Menschen ist das nicht anders. Nur brauchen wir in unserem Leben eben mehr als eine gute Beziehung. Wir brauchen Können, um den Alltag zu bewältigen. Ein Strauß Rosen zum Valentinstag ist etwas Schönes. Aber wenn du ihn den ganzen Tag vor dir herträgst, löst er dir keine einzige Aufgabe, die vor dir liegt. Genau so wird es aber verkauft. Bindung löst alles. Akzeptanz löst alles. Jein. Und wer damit nicht weiterkommt, hat angeblich nur nicht genug daran gearbeitet.

Formales ist dagegen oft genau das, was hält, wenn nichts anderes mehr hält. Und die Kunst ist doch, zu wissen, wer was wann braucht.

Es kommt darauf an, ob es hält, wenn es brennt

In vielen Fällen braucht es nämlich Können. Ein Verhalten, auf das dein Hund und du euch verlassen könnt. Ein Alternativverhalten. Auch darüber wird viel geredet. In einer Stunde wird gezeigt, wie man ein Sitz aufbaut, ein Schau mich an oder ein Du kommst zu mir. Vergessen wird dabei nur eines: Bei schnellen, lauten und starken Hunden kommt es nicht auf die Idee an. Es kommt auch nicht darauf an, dass ihr mal damit angefangen habt. Es kommt darauf an, ob es hält, wenn es brennt.

Sonst wirkt jedes nett eingebaute Verhalten wie die Klarinette bei der Grundschulaufführung, wo jeder zweite Ton nach Zahnschmerzen klingt und am Ende trotzdem alle applaudieren. Können entsteht eben nicht nebenbei. Können baust du auf, erst in Ruhe und dann in der Belastung. Können bedeutet Kontrolle über ein Verhalten, und diese Kontrolle gibt Sicherheit. Beiden. Und nein, das ist kein Gegensatz zur Bindungsarbeit.

Bindung und Können machen zwei verschiedene Dinge

Bindung nimmt deinem Hund die Entscheidung ab. Er muss die Sache nicht mehr allein regeln, es hängt nicht mehr alles an ihm, und das nimmt Druck raus. Was Bindung ihm aber nicht sagt, ist, was er stattdessen tun soll. Er steht dann zwar bei dir, aber er steht da mit einem Kopf voller Spannung und ohne Idee, wohin damit.

Genau da kommt der Baustein rein. Der gibt ihm eine Handlung. Etwas, das er kann, das er schon hundert Mal gemacht hat und das ihm nicht abhandenkommt, wenn es laut wird. Und dann passiert das Eigentliche: Beides zusammen ergibt etwas, das keins von beidem allein schafft. Die Bindung sagt ihm, dass er nicht allein ist. Das Können sagt ihm, was jetzt zu tun ist. Ein Werkzeug ohne Bindung bleibt Dressur, und die fällt genau dann auseinander, wenn es ernst wird. Bindung ohne Können lässt ihn ratlos. Können ohne Bindung lässt ihn allein.

Ein Alternativverhalten ist kein Trick

Was du oben im Video siehst, ist so ein Verhalten. Ein Bei mir, das sitzt, weil es aufgebaut wurde, erst in Ruhe und dann unter Belastung. Ohne das bleibt jede Begegnung ein Glücksspiel.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ein Alternativverhalten ist kein Trick, der ab und zu klappt. Und es muss auch nicht für jeden der Anspruch sein. Es gibt Mensch und Hund, die kommen gut ohne aus, und das ist völlig in Ordnung. Aber es gibt eben auch Hunde, die sind sofort dran. Die warten nicht ab, die schauen nicht erst zu dir, die sind schon unterwegs, während du noch überlegst. Hunde, die jede Sache draußen zu ihrer eigenen machen.

Für die ist ein Verhalten, das sie wirklich können, weit mehr als eine nette Übung. Es ist eine Entlastung. Sie müssen die Sache nicht mehr selbst regeln, weil es etwas gibt, das an ihre Stelle tritt. Und dir geht es genauso. Ihr habt beide etwas, worauf ihr zurückgreifen könnt, wenn es eng wird. Das ist der eigentliche Punkt: Es hilft nicht einem von euch, es hilft euch beiden.

Erst das Können, dann die Begegnung

Was deinem Hund einmal passiert ist, verschwindet nicht wieder. Es lässt sich nicht löschen, es lässt sich nur überlagern. Neues Lernen legt sich darüber, und diese neue Erfahrung ist am Anfang die schwächere von beiden. Deshalb reicht es nicht, Begegnungen einfach zu vermeiden, denn dann macht dein Hund nie eine andere Erfahrung. Und deshalb braucht es Wiederholung, immer wieder, bis das Neue trägt.

Das gilt aber nur, wenn dein Hund ein Fundament hat. Etwas, das er wirklich kann und auf das er zurückgreift, wenn es eng wird. Hat er das nicht, nützt ihm die Begegnung gar nichts. Dann macht er einfach die nächste schlechte Erfahrung, und die legt sich auf die alte obendrauf, statt sie zu überlagern. Du übst dann nicht das Neue, du bestätigst das Alte.

Steht das Fundament, dann muss dein Hund in der Situation bleiben, statt herausgenommen zu werden. Aber nur so weit, wie er noch ansprechbar ist. Ist er darüber, lernt er nichts Neues mehr. Dann wird es schlimmer statt besser.

Aushalten ist nicht umlernen

Da liegt der Punkt, den ich für den wichtigsten halte: Ein Alternativverhalten kann die Situation neu schreiben. Nicht weil dein Hund gehorcht, sondern weil er etwas hat, das trägt. Er geht nicht mehr als Getriebener durch die Begegnung, sondern als einer, der etwas tut, das funktioniert. Genau das verändert, wie er die Sache erlebt.

Denn darum geht es am Ende: Die Emotion muss sich ändern. Ein Verhalten wegzublockieren schafft das nicht. Blockieren stoppt, was du siehst, und wertet nichts auf. Du siehst das an den Hunden, die gedeckelt durch die Begegnung laufen. Außen ist alles ruhig, und alle denken, jetzt hat er es kapiert. Hat er nicht. Er hält aus. Umgelernt hat er noch lange nichts, und beim nächsten Mal, wenn der Deckel nicht hält, ist alles wieder da.

Erst die Emotion, dann das Verhalten. Nicht umgekehrt.

Warum ich mit dem Halti gearbeitet habe

Meine Hummel hatte selbst so eine Zeit. Eine unschöne Erfahrung mit einem anderen Hund, und Begegnungen waren danach angespannt. Ich habe damals mit einem Halti gearbeitet, und dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig: Der Halti war kein Ausbildungsmittel. Ich habe ihr damit nichts beigebracht. Er war Führung. Fein dosiert, über weiche Widerstände, ohne Kraft. Ein Halti bringt deinem Hund nichts bei. Es hilft dir, ihn zu führen, während er lernt.

Viele halten den Halti trotzdem für ein Korrekturmittel, mit dem man einen Hund in eine Haltung zwingt. Da lohnt sich der ehrliche Blick. Wer etwas von seinem Hund möchte, wirkt auf ihn ein. Auch das sanfte Wegblockieren mit dem Blumengedanken im Herzen ist eine Einwirkung, denn am Ende stoppst du etwas. Die Frage ist also nicht, ob du einwirkst, sondern wie fein du es tust. Wenn es gut läuft, sieht die Arbeit mit dem Halti aus wie ein Tanz. Du bewegst deinen Hund in jede Richtung, und niemand sieht Druck, weil keiner da ist.

Für mich ist der Halti die Verlängerung der Bindungsarbeit. Die Berührung, die dein Hund längst verstanden hat, kannst du damit draußen auf Distanz weitergeben und ihn in deine Obhut holen. Genau das ist der Unterschied zwischen Aushalten und Begleiten. Es setzt Fingerspitzengefühl voraus, und ohne das taugt der Halti nichts. Heute läuft Hummel ohne, und genau darum geht es mir: Ein Hilfsmittel soll überflüssig werden.

Keine Sache von einer 10er-Karte

Einen tobenden Hund allein über die eigene Präsenz zu lenken, das geht. Ich habe es erlebt. Für die allermeisten Hundehalter ist es aber nie erreichbar. Punkt. Und das liegt nicht daran, dass der Mensch zu schwach wäre oder nicht richtig führt, dieser Standardspruch der heutigen Hundewelt. Es liegt daran, dass bestimmte Typen eine Aufgabe brauchen, um überhaupt etwas schaffen zu können.

Ich habe viele Veränderungen erlebt, und sie kamen fast immer dadurch zustande, dass der Mensch einen langen Atem hatte. Wir reden oft von zwei Jahren. Bindungsarbeit ist eben keine Sache von einer 10er-Karte, bei den harten Fällen kaufst du dir gleich einen ganzen Stapel davon. Und selbst dann ist der Ausgang nicht sicher. Das ist ernüchternd, ich weiß. Es ist aber die Wahrheit, und die sage ich dir lieber, als dir etwas zu versprechen.

Was dir wirklich hilft, ist ein Plan. Ein Verständnis dafür, wann Bindungsarbeit dran ist und wann Futterarbeit. Wann der Clicker passt und wann Begrenzung. Wann du Raum einnimmst und wann die Auseinandersetzung dran ist, gerade dann, wenn dein Hund gegen dich geht. Und wann du ihn einfach machen lässt. Dazu die beiden Fragen, um die am Ende alles kreist: Warum macht mein Hund das genau? Und welche Werkzeuge habe ich dafür?

Deshalb ist ein Alternativverhalten bei bestimmten Hundetypen für mich mindestens so wichtig wie der Bindungsaufbau. Denn manchmal reicht auch die beste Beziehung nicht, und eine Hundebegegnung ist für die meisten Halter genauso anstrengend wie für den Hund. Gut, wenn dann beide etwas können, auf das sie sich verlassen.

Merke: Können ist Sicherheit. Für deinen Hund und für dich.

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Carsten Wagner

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