Beziehung / Erziehung

Die Grundlage des Stadttrainings mit dem Hund

Der Straßenverkehr in einer Großstadt verlangt dem Hund, aufgrund der vielen Reize, extrem viel ab. Das Einwirken der unterschiedlichen Reize stellt für viele Hunde eine hohe Belastung dar. Die schier endlosen Reizformen – die geradezu zeitnahe auftreten – wirken auf Hunde nicht selten belastend, da Hunde durch die Anordnung ihrer hoch entwickelten Ohren, Einflüsse sehr sauber filtern und exakt einordnen können. Hält man sich vor Augen, dass die Welt der Geräusche des Hundes mindestens genauso komplex ist, wie die Welt der Gerüche, kann man sich leicht vorstellen, welche immensen Eindrücke auf den Hund in so einer Umgebung wirken.

Damit ein Hund diese vielen, auf ihn wirkenden, Eindrücke differenziert betrachten lernt, sollte der Aufbau einer Mensch-Hund-Beziehung das erste Ziel im Erziehungsprozess sein. Eine intakte Mensch-Hund-Beziehung wirkt dabei für den Hund in jeder Situation unterstützend, was für ihn immer eine Erleichterung bedeutet. Die Priorität sollte daher sein, dem Hund schon zu Beginn zu lehren, jegliche Ressourcen, die auf ihn einwirken, in Distanz differenziert betrachten zu können. Dafür ist es notwendig, den Welpen in der ersten Zeit nicht in die materielle Abhängigkeit rutschen zu lassen, sondern die Mensch-Hund-Beziehung mit Werten zu füllen. Zu erkennen, dass die materiellen Dinge nicht das eigentliche Problem sind, sondern vielmehr ihre Eigenschaft, die menschlichen Werte in den Hintergrund zu drängen, kann hilfreich sein, um zu verstehen, worum es in einer Beziehung wirklich geht. Materielles kann Güte, Weitsicht, Liebe, Leidenschaft nie ersetzen.

Ein strukturierter Welpenaufbau ist somit für den Aufbau einer stabilen Grundsubstanz – die sich dadurch kennzeichnet mit Reizen differenziert umgehen zu können – unerlässlich. Ich werde im kommenden Beitrag über Welpentraining explizierter auf dieses Thema eingehen. Zuvor sei jedoch schon erwähnt, dass es sehr wenig bedarf, um einen Hund in eine Beziehung zu bringen. Es sind nur zwei Bereiche: der Innenfokus zum Halter in der Bewegung sowie der konträre Gegenpol, die Distanz in der Ruhe. Ich kenne nicht viele Menschen die bereit sind, sich zu Beginn der Welpen / Hundeausbildung auf das Wesentliche einzulassen. Sie wollen sich nie mit dem Wenigen zufriedengeben und glauben, mehr zu brauchen um an ihre Wunschvorstellungen zu gelangen.

Was mir persönlich sehr oft auffällt ist, dass der Mensch viel zu extreme Zielvorstellungen in sich trägt, die er aufgrund seiner eigenen Ungenauigkeit im Training nie erreichen wird. Er steht sich dabei nicht nur selber im Weg, sondern behindert die Entwicklung des Hundes zusätzlich durch das Schaffen unnötiger Grauzonen, die ein Hund nie verstehen kann. In der Regel möchte der Mensch gleich alles erreichen, wofür andere Jahre gebraucht haben. Ich war nicht anders, bis ich etwas Entscheidendes in mir selber erkannt habe: Man braucht nicht nur das nötige Hintergrundwissen der einzelnen Schritte, sondern muss sich selber in seinem ganzen Tun neu erkennen und neu erfahren lernen. Man muss alles infrage stellen, was man zu wissen glaubt und im Gegenzug sein eigenes Beobachten mit dem vorhandenen Wissen neu zusammensetzen. Immer und immer wieder – bis es sich stimmig anfühlt. Dann sucht man sich die Menschen, die ihre Philosophie leben – voller Hingabe und Leidenschaft – stellt auch das infrage und baut sein eigenes Bild erneut auf. Mit all den gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen, ohne dabei zu bewerten. Erst dann wird man erkennen. Erst dann wird man seinen eigenen Weg gehen, seinen eigenen Rhythmus fühlen, der doch so notwendig ist, um authentisch wahrgenommen zu werden.

In der Hundeausbildung kann man nichts Neues erschaffen, da alles bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Auch hierzu werde ich ein Artikel verfassen der alle Belohnungsmodelle und Lernansätze beleuchtet und erklärt. Das kann helfen, sich im Dschungel der Philosophie zurecht zu finden. Soviel sei gesagt: Wer die tiefen Zusammenhänge der Lernprinzipien des Hundes verstanden hat, erkennt augenblicklich, dass es nicht eine einzige Philosophie gibt, die wahrhaft neu erschaffen wurde, sondern das eine Vielzahl an Ansätze vorhanden sind, die das alte Wissen mit einem neuen Namen versehen haben.

Doch bleiben wir noch einem Moment bei dem Gedanken seinen eigenen Lebensrhythmus in seine Arbeit einzubringen.

Buddha sagt dazu:
Wenn Ihr irgendwelche Lehren hört, dann glaubt sie nicht, nur weil ihr sie gehört habt und weil sie überliefert wurden oder weil andere dieser Meinung sind. Glaubt nicht, nur weil es in heiligen Schriften steht oder weil es sich logisch und vernünftig anhört. Vertraut keinen erdachten Theorien und auch nicht dem, woran viele glauben. Nehmt nicht nur das an, was euch persönlich gut gefällt oder was ein spiritueller Meister gesagt hat. Wenn Ihr selbst erkennt, dass eine Lehre unheilsam ist, weil sie, wenn man sich danach richtet, zu Unheil und Leiden führt, dann sollt ihr sie lassen. Wenn ihr aber eine Lehre als heilsam erkennt, weil sie zu Glück und Wohl führt, wenn man sich danach richtet, dann sollt ihr sie annehmen.”
(Quelle:Paul Köppler: So spricht Buddha. Die schönsten und wichtigsten Lehrreden des Erwachten , S. 12).

Der Buddhismus lehrt Geduld
In der Regel will der Mensch gleich alles ohne dabei das Gesamte erkannt zu haben. Ohne den harten Weg der Selbsterkenntnis gegangen zu sein. Das führt unweigerlich dazu, dass der angehende Hundeführer entweder viel zu kompliziert in seinem Denken ist, oder aber in seinem Tun – durch all seine Zerstreuung – ungenau, ungeduldig und ungeschickt zu Werke geht. In meiner Arbeit mit Menschen habe ich schon sehr viele kommen und gehen sehen, weil der Punkt unweigerlich für jeden kommt, an dem er seine eigenen, geschaffenen Lücken erkennen muss. Diese Lücken sind oft nur bedingt zu füllen, weil sie nicht selten so zementiert sind, dass es viel Mühe bereitet sie aufzubrechen, um sie neu bestücken zu können. Es ist daher ein gewohntes Bild, dass Menschen ewig auf der Suche sind, um den goldenen Weg der Hundeerziehung zu finden. Sie werden ewig auf der Suche sein, ohne zu erkennen, dass sie den Schlüssel schon lange in sich selber tragen, nur weil sie nicht bereit sind, in die eigenen Gewölbe ihres Unterbewusstseins zu steigen, um ihn zu finden.

Eine besondere Freude ist es dann für mich, wenn ich Menschen beim nächsten Termin wiedertreffe und am ersten Blick schon erkenne, dass sie sich mit sich und ihrem Hund vehement auseinandergesetzt haben und an ihrer eigenen Arbeit gewachsen sind. Einige Kunden berichten mir, dass sich ihre Augen nach dem letzten Gespräch mit mir, mit ihren eigenen Tränen ausgewaschen haben, sie damit unweigerlich vom Staub der Bequemlichkeit befreit wurden und die Erkenntnis regelrecht gefühlt haben, welche Voraussetzung, welche Notwendigkeit erfüllt werden muss, um eine Veränderung im Beziehungskonstrukt erreichen zu können.

Das Wesentliche ist nur deshalb so schwer, weil wir uns nur auf das Viele konzentrieren!
Dabei ist das Ausbilden des Innenfokus zum Halter bei einem Welpen, aber auch bei einem erwachsenen Hund, alles andere als kompliziert. Es ist so einfach, wenn man sich nur zu 100% auf seinen Hund einlassen würde und mit etwas Voraussicht an die Arbeit geht. Der größte Teil der Welpen / Hundebesitzer will immer gleich alles! Bevor der Hund in seinem neuen Leben richtig Luft geholt hat, wurde schon wieder alles ausprobiert, was dem Halter an Beschäftigung und Ausbildungsmethode eingefallen ist. Wen wundert es, dass manche Hunde nicht nur aus Mangel an Zeit / Umweltreizen Entwicklungsstörungen mit sich bringen, sondern auch einfach aus gnadenloser Überforderung, weil sie einfach alles können müssen, was in Videos gesehen wurde. Am besten gleich gestern!

Der Innenfokus macht nicht blind – er eröffnet neue Möglichkeiten!
Im hier gezeigten Video ist sehr schön zu erkennen, dass ein Ausbilden des Innenfokus nicht dazu dient den Hund im permanenten Blick zum Halter zu schulen, ihn sozusagen blind und taub gegenüber der Umwelt machen soll. Ganz im Gegenteil: Es soll den Hund einfach nur in ein gemeinsames Miteinander bringen. Es soll dem Hund vermitteln, sich auf mich einlassen zu können – trotz der vielen Reize, die auf den Hund wirken – ohne dabei aber abgestumpft zu werden. Denn erst wenn der Hund gelernt hat den Reiz, die Situation an sich, konfliktfrei freigeben zu können, wird er auch in der Lage sein, sich in stressigen Situationen vertrauensvoll an mir auszurichten. Das wiederum wird unweigerlich dazu führen, dass er Neuem gelassener entgegentreten kann, weil er den Sozialpartner Mensch als Sicherheit erfährt. Ein differenziertes Betrachten aus der Distanz bringt somit Ruhe und Souveränität. Und genau das ist das Ziel eines jeden Beziehungsaufbau: Ruhe und Souveränität.

Was Souveränität bedeutet, zeigt die letzte Szene an der U-Bahnhaltestelle. Das Eintreffen der U-Bahn bringt eine geballte Kraft mit sich. Das sehr druckvolle Auftreffen wirkt selbst auf uns Menschen beindruckend. Doch obgleich die U-Bahn eine hohe Belastung für Jasper darstellt, behält er sein Vertrauen uneingeschränkt mir gegenüber und bezieht. Er orientiert sich an mir, im eigenen Glauben, dass ich mich auch um diese Situation kümmere. Dabei ist die eigene Präsenz der Schlüssel, um dem Hund das Gefühl von Sicherheit zu geben. Hierfür ist es wichtig, den Hund im Kopf loszulassen. Der Fokus darf nicht beim Hund liegen, sondern bei sich selbst. Ein Hund reagiert Resonanz bezogen: Vertraue ich meinem Hund wahrhaftig, dann wird er mir dieses Vertrauen mit all seinem Sein entgegenbringen. Das ist die Grundsubstanz einer Beziehung.

Mahnend sei gesagt:

Erst wenn der Hund diese enge Beziehung zum Halter zeigt, ist es ratsam, diese Arbeit in der Öffentlichkeit ohne Leine anzugehen.

Denn worum es mir in dem Video geht, ist nicht, dem Halter zu signalisieren, seinen Hund im Verkehrsgeschehen abzuleinen, damit der Hund freier Lernen kann. Es ging mir darum aufzuzeigen, was für ein hoher Anspruch am Hund gefordert wird, wenn man aktiv im Straßenverkehr arbeitet. Es setzt nicht nur ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen voraus, um frei Arbeiten zu können, sondern eine sauber verknüpfte Grundbasis in den einzelnen Ausbildungssegmenten.

www.mit-hunden-leben.com

Über den Autor

Carsten Wagner

Kommentar

  • Erkenne mich wieder😜
    Langsam geht schneller 👍🏻
    Schleichende Erkenntnis, ein guter Weg.
    ” Beim Beeilen muß man sich viel Zeit lassen ” 😉
    Klasse Video, über Kopfhörer ohne Bild, Mantra🙏🏻😴
    Auf bald👍🏻

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