Hundeerziehung Verhalten / Beratung

Verhalten

jasper zeigt zähne - guten Morgen
geschrieben von Carsten Wagner

Wer mit Hunden zu tun hat, setzt sich automatisch mit Verhalten auseinander. Der eine mehr, der andere weniger. Wieder ein andere kommt nicht drum herum, weil das gezeigte Verhalten des Hundes die eigene Lebensqualität beeinträchtigt. Verhalten ist in seiner ganzen Entstehung sehr komplex und in seinem Zeigen stets situationsabhängig, was wiederum veranlasst, vorsichtig mit schnellen Schlüssen zu sein. Ein gezeigtes Verhalten sagt noch lange nichts über den Hund aus!

Die Gefahr, der ich bei meiner Arbeit als von der IHK zertifizierter Verhaltensberater und Hundetrainer der Stadt Düsseldorf immer mehr begegne, ist das voreilige Stempelsetzen bei vielen Hunde, die mir vorgestellt werden. Der Hund wird vom Besitzer und auch von so manchen Trainer, aufgrund eines Verhaltens kategorisiert und in eine Schublade gesteckt. Derzeit kommt es mir so vor, als gäbe es nur zwei dieser Kategoriefächer. Aggressiv und ängstlich. Aus meiner Sicht viel zu einfach gedacht. Verhalten ist abhängig von der genetischen Disposition und den äußeren Einflüssen und den damit abhängigen Lernerfahrungen. Sie sind situationsbedingt und kontextabhängig. Genetik und Erlernte Elemente sind untrennbar, weil sie in Kombination das Ganze formen. Dabei legt die Genetik die Grundlage für das Verhalten, während die Lernerfahrungen, die unweigerlich durch Umwelt und Reiz in Gang gesetzt werden, die Verhaltensprogramme formt. Wir öffnen noch einmal die beiden angesprochenen Schubladen: Aggression und Angst. Beleuchten wird das genannte Verhalten unter dem Gesichtspunkt der genetischen und erlernten Grundlage, dann ist zu erwähnen, dass bei Aggressionsverhalten die Erlernten Erfahrungen eine größere Rolle spielen,während ein Angstverhalten tatsächlich seine Gewichtung in der genetischen Disposition zu finden ist. Man sagt: Das Feuer eines Wesens brennt immer nach seiner Natur!

Das bedeutet aber auch: Nur weil ein Hund in gewissen Situationen Unsicherheit zeigt, ist er nicht generell ein unsicherer Hund. Ähnlich verhält es sich mit Hunden, die kontextbezogen Aggressionen zeigen. Denn sobald das Herz zu schlagen beginnt, Lenken die äußeren Einflüsse unweigerlich die Lernerfahrungen und Verhaltensmotive.

Unsachgemäßes Einschätzen wird vielen zum Verhängnis

Einen Hund als aggressiven Hund abzustempeln, weil er gebissen hat, birgt Risiken in sich, weil man damit sofort den Hund als eigene Spezies missversteht, da Aggression ein natürliches Ausdrucksverhalten des Hundes ist. Unnatürlich ist es erst dann, wenn es klar und eindeutig als Verhaltensauffälligkeit identifiziert wird. Und genau das gilt es zu erkennen, bevor man den schnappenden Hund in die Schublade steckt. Viele kommen dann aus dieser Schublade gar nicht mehr raus und vergammeln da wie stinkende Socken.

Das ein Hund mehr ist, als das sein gezeigtes Verhalten uns weiß machen möchte, zeigte uns der Fall Hermann, dessen Geschichte ich schon gesondert beschrieben habe. Dieser Boxer-Mallinoi-Mix ist ein Paradebeispiel für unseren Artikel. Seine ganze Entwicklung war mehr als bescheiden und versorgte den Armen Kerl mit einem Deprivationssyndrom, steriotypische Nuancen, Epileptische Anfälle und weiß der Teufel noch, was seine Laune den Knaben in die Brust gepflanzt hat. Ein Potpourri der guten Laune ist es auf jeden Fall. Seine Erscheinung zeigt in allem eine sehr auffällige, mangelhafte Stress und Erregungskontrolle, gepaart mit einer sehr schnellen Aggressionsbereitschaft, welche im Fundament durch Unsicherheit gestützt wird. Seine Hypervegilanz (Überwachsamkeit) stresste den guten Jungen zusätzlich, da er in seiner Entwicklung keine Chance bekam, Reize differenziert betrachten zu lernen. Er lebte in den sensiblen Phasen im Badezimmer. Das formt den Hund nicht gerade mit Stabilität, da (Außen)Reize für das Ausbilden wichtiger Nervenstränge ausschlaggebend sind. Doch näher werde ich nun nicht auf Hermann eingehen, da dies in einem anderen Artikel ausführlich getan wurde. Worum es mir hier geht, ist aufzuzeigen, das ein Verhalten nicht das Wesen Hund bestimmt. Das Grundwesen eines Individuums ist nicht veränderbar! So wie bei Ihnen, und auch bei mir. Sie und ich, sind im Kern ihres/meines Seins der Selbe, wie im Augenblick ihrer (Vor)Geburt. Das Bewusste Sein ist die Ursubstanz aller Existenzen. Ein Verhalten, mit all ihren Kombinationen, bestimmt somit nicht das Wesen!

Eine Typenbestimmung bringt Aufschluss.

Um einen Hund, sowohl auch den Menschen, richtig einordnen zu können, bedarf es ein gewissen Grad an Belastung. Das Wesen/Charakter eines Hundes kann nur erkannt werden, wenn es blank gezogen wird, er sich nicht hinter einem Verhalten verstecken kann. Hunde sind in gewissen Situationen nicht die schlechtesten Schauspieler. Da haben wir zum Beispiel die Theatralik-Queen, die alles zusammenschreit, um ja genügend Aufmerksamkeit zu bekommen, ohne das ihr je ein Haar gekrümmt wurde. Oder den Durchtriebenen, der tückisch auf seine Chance wartet, hinterrücks einen Angriff zu starten. Hunde täuschen, wie auch der Mensch, Verhalten vor, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Muster und Schemata sind Schablonen, die erlernt / aufgebaut wurden, um die eigenen Bedürfnisse zu sichern.

Emotion – Motivation – Verhalten

Wenn der Hund unter einer systematischen Stresszufuhr seine Komfortzone verlassen muss, durchläuft er genau dieses Dreiecksmodell. Emotion – Motivation – Verhalten. Die Reaktion auf den zugeführten Stressor zeigt den Kern des Hundes unkaschiert. Es offenbart sich das Motiv und zeigt, wie lösungsorientiert der Hund in Stresssituationen reagiert. Bei uns Menschen ist es nichts anderes. Du kannst einen Menschen erst richtig einschätzen, wenn du ihn in einer wirklich stressigen Situation erlebst, die für ihn eine existenzielle Belastung darstellt. Vorher haben wir doch alle nur die große Klappe! Der wahre Charakter zeigt sich immer erst dann, wenn es darauf ankommt, wenn es ernst wird, wenn es ans Eingemachte geht. Jeder legt sich blank, wenn seine biologische Fitness in Gefahr gerät. Nur hier zeigt sich, wer ein Freund ist!

Im Fall Hermann war die Einschätzung seiner Persönlichkeit eine Überraschung. Meine Erwartung war eine hektische Gegenreaktion mit Gebell. Ich rechnete mit starker Frustration aufgrund des deprivierten Hintergrundes und somit mit einer situativen Verschlimmerung der Ausgangslage.

Doch Hermann zeigte in seinem Grundgerüst Standhaftigkeit und ein gewisses Maß an Abgeklärtheit. Sein Thema sind Reize, in der Tat. Das ändert sich auch nicht von heute auf Morgen. Doch das Grundgerüst schaffte Klarheit, zu was der Strolch alles fähig sein kann. Er ist, trotz seiner Flatterhaftigkeit, ein sehr anspruchsvoller Hund, der schnell in seiner Denke ist und soviel Persönlichkeit besitzt, dass sie den Halter fordern wird. Wer hier verschlafen ist und resigniert hat Freude. Aber keine, wo er herzhaft lachen wird.

Verhalten und der Ursprung des Seins sind zwei ganz unterschiedliche paar Schuhe, die oberflächlich nicht zu trennen sind. Man ist immer das, was man tut und nicht das, was man denkt. Der Impuls ist ausschlaggebend. Diesen zu erhaschen, ihn wahrzunehmen und sich darüber führen zu lassen, bringt uns dem Hund ziemlich nahe. Denn nur das impulsgesteuerte, intuitive Handeln wird uns schneller und besser machen als den Hund. Denken wir über unser Handeln während der Arbeit am Hund nach, hängen wir immer noch an der Startlinie, während der Hund schon kurz vor der Ziellinie steht.

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Carsten Wagner

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